Bundesfestival junger Film

Ohne Euch

Hannah Martin, Melanie Waelde

Auf manche Schmerzen gibt es keine Antwort. Man muss sie einfach aushalten.

Länge: 14 Minuten
Genre: Drama

HOLGER (45) steht wie ein Fremder im Wohnzimmer seines früheren Zuhauses. Er, seine Ex-Frau SIGRID (40) und die gemeinsamen Töchter SILVI (15) und LARA (9) betrachten Poldi, das schneeweiße Kaninchen, das mit blutiger Kehle auf einem Handtuch liegt. „Sieben Jahre Käfig und dann ermordet“, sagt Silvi. Lara streichelt den Toten. Es trifft eben immer die Unschuldigen. Muss ein gemeucheltes Kaninchen, das allen gemeinsam gehört hat, auch von allen gemeinsam beerdigt werden? Lara und Silvi finden, das sei gar keine Frage. Und so werden die vier in dieser Nacht noch einmal Familie – für einen kurzen Moment.

Regiefoto: Uwe Klimpel und Jan Philip Ernsting 

Regiekommentar

Es gibt in Deutschland noch immer eher wenige Fälle, in denen Kinder nach einer Scheidung bei ihrem Vater leben. Noch immer wird Müttern per se mehr „Elterninstinkt“, Einfühlungsvermögen und generell mehr Gefühl zugesprochen. Das reduziert nicht nur die Frauen auf ein Klischee, es spricht auch den Männern wichtige Teile des Menschseins schlichtweg ab. Hier zeigen sich die schmerzhaften Erwartungen, die sich aus den gesellschaftlichen Rollenbildern auch an Männer ergeben, überdeutlich. Der Schmerz liegt immer auf beiden Seiten, bei den Verlassenen und bei denen, die gegangen sind – doch darüber zu sprechen scheint oft zu schwer. Ohne einen gemeinsamen Alltag Familie zu bleiben, ist sowieso schon nicht einfach. Wozu die verletzten Gefühle zeigen oder in Worte fassen, wenn man die Situation am Ende doch nicht ändern kann? Um so etwas wie Normalität zu ermöglichen, muss der Einzelne mit seinen Gefühlen zurückstecken. Wer stark bleibt, zeigt Verantwortung. Wer stark bleibt, liebt. So haben wir unsere eigenen Väter selbst oft wahrgenommen.
In Ohne Euch lässt das Familiengefüge daher auch nur den Frauen Raum für Gefühle. Die Töchter und die Mutter dürfen voreinander weinen, Überforderung, Wut oder Trauer zeigen. Nur der Vater Holger bleibt immer stark, bis er schließlich alleine ist. Wird das von ihm verlangt? Ist er es selbst, der sich das Zeigen von Gefühlen nicht zugesteht? Wer bedingt hier wen und was? Holger erlebt in dieser besonderen Nacht noch einmal sich als Papa in seiner Familie. Er kehrt an den Ort zurück, an dem er inzwischen fremd ist und trägt mit dem Familienkaninchen Poldi irgendwie auch sich selbst zu Grabe. Doch als hier die Gefühle springen, die Fassaden platzen und für einen Moment Veränderung und Nähe möglich scheinen, knickt Holger nicht ein. Er bleibt gefangen. In sich selbst.

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Datum: 30.05.2019 um 19:00
Location: Stadthalle St. Ingbert


Eintritt:
Tagespass

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Stabliste

Regie: Hannah Martin, Melanie Waelde
Cast: Boris Aljinovic, Emma Floßmann, Annekathrin Bach, Katerina Veljanoski
Produktion: Anna Werner, Patrick Schorn
Drehbuch: Hannah Martin
Bildgestaltung: Lukas Eylandt
Sound: Gregor Arnold
Ausstattung: Marcel Bonewald, Isabelle Schnabel
Editing: Jessica Schneller
Musik: Bertolt Pohl, Matti Thölert
Ein Mensch, der immer an euch geglaubt hat:

Biographie

Hannah Martin und Melanie Waelde schlossen beide 2017 ihr Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ab. Hannah Martin ist seitdem in einer Beratungsagentur für Künstliche Intelligenz tätig. Melanie Waelde arbeitet als freie Autorin.

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